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sonntags
10:30 h
zelebriert
von Reichsgraf von Wagner
In
der himmlisch anmutenden Kapelle auf Gaycastle befindet sich im
Pegel des Lichtkreises ein in Marmor gemeißelter Altar mit weißem
Garn in Spitzen gehüllt, gesegnet & gewidmet allen Männern
dieser Welt mit gleichgeschlechtlicher Präferenz. Dekoriert mit
frischen Schnittblumen in lebensfrohen Farben, Kerzen in silbernen
Behältnissen, das Licht der sonntäglichen Morgensonne
reflektierend in den göttlichen Skulpturen und Formen des Saales,
Klänge von Bach aus dem Balg einer Orgel, an einem Holzkreuz über
allen Häuptern schwebend ein Sklave in Adamskostüm, sowie zwei
voller Erfurcht gehaltene Messdiener auf dem blanken Boden des
kleinen Gotteshauses. Reichsgraf von Wagner liest in diesem
Augenblick des Surrealen lustvoll in mystischer Klangfolge denkwürdige
Verse aus seinem Repertoire der astralen Unbedingtheit des Seins.
An
dieser Veranstaltung dürfen alle Gäste von Gaycastle unabhängig
ihrer gewählten Kategorie teilnehmen, sofern diese nicht für
andere Dienste durch den Direktor eingeteilt wurden.
Der
Gottesgedanke von Karl Jaspers:
(1883-1969,
Jurist, Psychologe und Philosoph)
Unser
abendländischer Gottesgedanke hat zwei Wurzeln: die Bibel und die
griechische Philosophie.
Als
Jeremias den Untergang von allem sah, für das er sein langes
Leben hindurch gewirkt hatte, als sein Land und sein Volk verloren
waren, als in Ägypten die letzten Reste seines Volkes auch noch
dem Glauben an Jahwe untreu wurden, und als sein jüngerer Bruder
verzweifelte: Ich bin matt vom Seufzen und finde keine Ruhe, da
antwortete Jeremias: So sprich Jahwe, Fürwahr, was ich aufgebaut
habe, reiße ich nieder, und was ich eingepflanzt habe, reiße ich
aus und da verlangst Du für Dich Großes, verlange nichts!
In
solcher Situation haben diese Worte den Sinn, dass Gott ist, das
ist genug! Ob es eine Unsterblichkeit gibt, danach wird nicht
gefragt, ob Gott vergibt, solche Fragen stehen nicht mehr im
Vordergrund. Auf den Menschen kommt es gar nicht mehr an, sein
Eigenwille ist wie sein Kümmern um eigene Seligkeit und Ewigkeit
erloschen Aber auch, dass die Welt im ganzen einen in sich
vollendbaren Sinn, dass sie in irgendeiner Gestalt Bestand habe,
ist als unmöglich begriffen, den alles ist aus dem Nichts von
Gott erschaffen und in seiner Hand. Im Verlust von allem bleibt
allein: GOTT IST. Wenn ein Leben in der Welt auch unter
geglaubter Führung Gottes das beste versuchte und doch scheiterte,
so bleibt die eine ungeheure Wahrheit: GOTT IST.
Wenn
der Mensch ganz und gar auf seine Ziele verzichtet, dann vermag
sich ihm diese Wirklichkeit als die einzige Wirklichkeit zu zeigen.
Aber sie zeigt sich nicht vorher, nicht abstrakt, sondern nur bei
eigener Einsenkung in das Dasein der Welt und zeigt sich hier
erst an der Grenze. Jeremias Worte sind herbe Worte, sie
sind nicht mehr verbunden einem geschichtlichem Wirkungswillen in
der Welt, der aber lebenswährend vorherging und am Ende im
vollkommenen Scheitern erst diesen Sinn ermöglichte. Sie sprechen,
ohne Phantasie und enthalten unergründliche Wahrheit, gerade weil
sie auf jeden Inhalt in der Aussage, auf jede Festigung in der
Welt verzichten.
Xenophanes
um 500 v. Chr. kündete: Es herrscht nur ein einziger Gott, weder
an Aussehen den Sterblichen ähnlich noch an Gedanken. Plato
dachte die Gottheit – er nennt sie das Gute – als Ursprung
aller Erkenntnisse. Das Erkennbare wird nicht nur im Licht der
Gottheit erkannt, sondern hat sein Sein von ihr, die selber an Würde
und Kraft über das Sein hinausragt.
Gedacht
wird die Gottheit als Weltvernunft oder als Weltgesetz, oder als
Schicksal und Vorsehung, oder als Weltbaumeister. Aber es handelt
sich bei den griechischen Denkern um einen gedachten Gott, nicht
um den lebendigen Gott des Jeremias. Der Sinn beider trifft
zusammen. Die abendländische Theologie und Philosophie hat in
unendlichen Abwandlungen aus dieser zweifachen Wurzel gedacht,
dass Gott sei und was Gott ist.
Philosophen
der Gegenwart scheinen die Frage, ob Gott sei, gern zu umgehen.
Weder behaupten sie sein Dasein, noch leugnen sie es. Die Frage
nach Gott wird erörtert auf Grund von sich widersprechenden Sätzen,
der theologische Satz lautet: Von Gott können wir nur wissen,
weil er sich offenbart hat, von den Propheten bis zu Jesus. Ohne
Offenbarung ist keine Wirklichkeit Gottes für den Menschen. Nicht
im Denken, sondern im Glaubensgehorsam ist Gott zugänglich.
Wenn
die Gottesbeweise aufgefasst werden als wissenschaftlich zwingende
Beweise im Sinne der Mathematik oder der empirischen
Wissenschaften, so sind sie falsch. In der radikalsten Weise hat
sie Kant in ihrer zwingenden Gültigkeit widerlegt. Es folgt die
Umkehr, die Widerlegung aller Gottesbeweise bedeutet, dass es
keinen Gott gibt.
Diese
Folgerung ist falsch. Denn sowenig Gottes Dasein bewiesen werden
kann, ebenso wenig sein Nichtdasein. Die Beweise und ihre
Widerlegungen zeigen nur: ein bewiesener Gott ist kein Gott,
sondern wäre bloß eine Sache in der Welt.
Die
sogenannten Gottesbeweise sind ursprünglich gar nicht Beweise,
sondern Wege denkenden sich Vergewisserns. Die in Jahrtausenden
erdachten und in Abwandlungen wiederholten Gottesbeweise haben in
der Tat einen anderen Sinn als wissenschaftliche Beweise. Sie sind
Vergewisserungen des Denkens in der Erfahrung des Aufschwungs des
Menschen zum Ebenbild Gottes. Es lassen sich Wege des Gedankens
gehen, durch die wir an Grenzen kommen, wo im Sprung das
Gottesbewusstsein zur natürlichen Gegenwart wird.
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